Links überspringen

Vollzeit muss sich mehr lohnen

Eines gleich vorweg: Teilzeit hat ihre Berechtigung. Viele Menschen – insbesondere Frauen – arbeiten Teilzeit, weil sie sich um ihre Kinder kümmern, Angehörige pflegen oder aus gesundheitlichen Gründen weniger Wochenstunden leisten können. Neben weiteren Gründen gibt es auch die bewusste Entscheidung für mehr Freizeit und weniger Arbeit.

Es geht nicht darum, jemanden ein Lebensmodell vorzuschreiben. Sondern es geht darum, die Notwendigkeit für Vollzeit aufzuzeigen und entsprechende Anreize zu schaffen, damit sich der Vollerwerb wieder lohnt.

Ein Blick auf die Zahlen zeigt die Entwicklung. Die Teilzeitquote steigt seit Jahren stark an, bei Frauen hat sie sich seit 1994 von 26 auf 51 Prozent verdoppelt. Österreich liegt damit fast doppelt so hoch wie der EU-Durchschnitt – Tendenz weiter steigend. Knapp ein Drittel aller Teilzeit-Beschäftigen kümmert sich um Kinder oder pflegt Angehörige, ein Viertel entscheidet sich bewusst gegen Vollzeit. Im Österreich-Schnitt liegt die wöchentliche Normalarbeitszeit bei 35,4 Stunden, die tatsächlich geleistete bei 29,4 Stunden.

Gleichzeitig sind 9 von 10 offenen Stellen Vollzeitstellen. Trotzdem arbeitet jede:r dritte Beschäftigte in Teilzeit – bei Frauen jede Zweite. Das hat Folgen. Es fehlen Arbeitskräfte. Es fehlen Steuer- und Sozialversicherungsbeiträge. Wenn immer weniger in das System einzahlen, aber alle volle Leistungen erwarten, geraten unsere Arbeitswelt und unsere Sozialleistungen ins Wanken. Das kann sich irgendwann nicht mehr ausgehen.

Mit einer Sozialquote von 31,8 Prozent wendet Österreich europaweit den größten Anteil seiner Wirtschaftsleistung für soziale Versorgung auf: für gesicherte Pensionen, für Familienleistungen, für eine starke Gesundheitsversorgung und gezielte Hilfe für jene, die es am dringendsten brauchen. Das ist eine große Stärke, aber auch eine Verpflichtung. Um dieses Niveau zu halten, brauchen wir mehr Vollzeit-Beschäftigte.

Vollzeitarbeit muss wieder attraktiver werden. Erstens durch eine Steuerkurve, die linear verläuft und dafür sorgt, dass sich Mehrarbeit am Ende des Monats auch durch ein entsprechendes Plus am Lohnzettel zeigt. Zweitens durch echte Wertschätzung, indem Leistung und Fleiß sowohl ideell als auch materiell wieder mehr Wert haben. Und drittens liegt ein wesentlicher Schlüssel in der Kinderbildung und -betreuung. Diese oft geringschätzend als „Fremdbetreuung“ genannten Einrichtungen sind Orte des Lernens, Spielens und Wachsens, mit qualifizierten Pädagoginnen und Pädagogen. Nur wenn Betreuung gesichert, leistbar und flexibel ist, können Eltern wirklich im vollen Ausmaß arbeiten.

Ich verstehe den Vorwurf, dass hier zu wenig weitergeht. Aber Politik braucht Mehrheiten und verlässliche Partner und ja, manchmal braucht Politik auch einen langen Atem, um große Schritte tatsächlich möglich zu machen.

Wer Interesse hat: die UMIT Tirol hat gemeinsam mit der Caritas eine interessante Studie zum Thema Teilzeit im Pflegebereich erstellt.

https://www.umit-tirol.at/data.cfm?vpath=ma-wartbare-inhalte/ma-downloadfiles/bereitschaft-stundenerhoehung_kurzfassung_final

Fakten zur Teilzeit 

Immer mehr Menschen arbeiten Teilzeit 

Jede zweite erwerbstätige Frau arbeitet Teilzeit, aber nur jeder achte Mann 

Ein Drittel arbeitet Teilzeit, weil sie Betreuungsaufgaben wahrnehmen, ein Viertel will nicht Vollzeit arbeiten

Quelle: Statistik Austria, Arbeitskräfteerhebung 2023

Die Teilzeitquote in Österreich ist fast doppelt so hoch wie im EU-Durchschnitt

 

Quelle: statista